Vom Kollaps zur Modernisierung

Reza Schah, Mohammad Reza Schah und die Wurzeln der Parole „Pahlavi kehrt zurück“

Noch eine Parole aus den aktuellen Protesten ist: „Es ist die finale Schlacht, Pahlavi wird zurückkehren“. Und mit „Pahlavi” ist Kronprinz Reza gemeint.

Wenn man verstehen will, warum heute viele junge Menschen im Iran diese Parole rufen, muss man einen Sprung ins 20. Jahrhundert machen.

Ein Staat am Rand des Kollapses

Ich beginne am Ende des Ersten Weltkriegs. In den letzten Jahren der Qajar-Dynastie, also der Dynastie vor Pahlavi, war der Iran in einem sehr schlechten Zustand. Der Staat war schwach.

Für normale Menschen hieß das: Angst, Armut und Krankheit.

Auch Bildung und Infrastruktur waren sehr schwach. Nur wenige konnten lesen und schreiben. Reisen dauerte oft viele Tage, sogar Monate. Es gab kaum moderne Straßen. Und keine Eisenbahn.

Obwohl Iran offiziell neutral war, wurde es von Alliierten erobert. Ausländische Mächte hatten starken Einfluss. Russland und England haben Iran praktisch zwischen sich verteilt.

Die Regierung hatte wenig Kontrolle über das Land.

Im Inneren gab es Unsicherheit. Viele Regionen wurden von lokalen Machthabern geprägt.

Dazu kamen schwere Hungernot und Krankheitsjahre.

Innerhalb von zwei Jahren sind ungefähr zwei Millionen Menschen gestorben. Das entspricht 20 % der Bevölkerung.

Viele hatten das Gefühl: Das Land fällt auseinander.

Reza Schah: Ordnung, Sicherheit, Staatsaufbau

Dann kommt Reza Schah. Er ist umstritten. Aber mit ihm hat historisch ein schneller Staatsaufbau begonnen. Sein erstes Ziel war Ordnung und Sicherheit. Er hat eine modernere Armee aufgebaut und die Kontrolle des Zentralstaats wiederhergestellt – oft hart, durch Kriege mit bewaffneten Stämmen und Separatisten. Das muss man ehrlich sagen. Aber ohne Sicherheit kann man ein Land nicht modernisieren.

Dann ist Infrastruktur gekommen. Ein starkes Symbol ist die Trans-Iranische Eisenbahn, die quer durch den Iran verläuft und den Norden mit dem Süden verbindet. Parallel wurden viele Straßen gebaut. Für ein großes Land ist das entscheidend. So entsteht ein Staat, der funktioniert.

Es gab auch Schritte für ein moderneres Staatsverständnis: eine einheitlichere Verwaltung und Institutionen. Und „Iran“ als Staatsname wurde international stärker betont, anstatt „Persien“.

Ein zweiter Schlüssel war Bildung. Es wurden mehr Schulen gegründet. Lehrerausbildung wurde aufgebaut. Es entstanden moderne Universitäten. Damit entsteht eine neue Generation von Fachleuten: Ingenieur:innen, Ärzt:innen, Verwaltungsleute – also Menschen, die ein Land tragen können.

Reformen mit Zwang – und der Konflikt mit den Mullahs

Aber konservativ-religiöse Mullahs hatten einen großen Einfluss. Reza Schah wollte das Land schnell ins 20. Jahrhundert bringen. Er war überzeugt: Ohne Druck geht das nicht.

Darum hat er viele Reformen mit Zwang durchgesetzt. Zum Beispiel das Verbot des Hijabs in der Öffentlichkeit. Die Idee war: Frauen sollen aus Isolation und Dunkelheit der Häuser herauskommen und sozial sichtbar und aktiv werden.

Er hat auch Modernisierung im Alltag durchgesetzt: Hygiene, Duschen, moderne Standards. Er hat die Schule und die Justiz aus der Kontrolle der Mullahs herausgenommen und in staatliche Strukturen überführt. Das wurde von vielen konservativen Mullahs sehr scharf kritisiert, und genau hier liegt eine Quelle des tiefen Konflikts zwischen Reza Schah und konservativ-islamischer Ideologie. Die Reformen haben Macht und Einfluss traditionell religiöser Strukturen begrenzt, und das hat starken Widerstand erzeugt. Dieser Konflikt wirkt bis heute nach. Man spürt ihn noch in der Propaganda der Islamischen Republik gegen Reza Schah. Das Bild, das das Regime von ihm zeichnet, ist bis heute Teil dieses alten Machtkampfs.

Mohammad Reza Schah und die „Weiße Revolution“

Nach Reza Schah ging es unter seinem Sohn Mohammad Reza Schah weiter. Auch hier wurde der Modernisierungskurs fortgesetzt und sogar beschleunigt.

Man sieht moderne Symbole in den Städten, größere Programme für Gesellschaft und Wirtschaft. Und es gab Reformen, die konservative religiöse Kreise stark abgelehnt haben – dieses große Reformprogramm nennt man die „Weiße Revolution“. Dazu gehörten Landreformen, also das Ende des Feudalismus, und Modernisierung in der Landwirtschaft.

Programme für Bildung und Gesundheit in kleinen Dörfern.

Ein besonders wichtiger Punkt war: Frauen bekamen mehr politische Rechte, vor allem das Wahlrecht. Und es gab Reformen im Staatsverständnis, zum Beispiel bei Amtseiden: Es ging dann nicht nur auf den Koran, sondern allgemeiner auf irgendein „heiliges Buch“.

Genau in dieser Phase hört man zum ersten Mal sehr deutlich einen Namen: Ayatollah Khomeini. Er hat diese Reformen scharf kritisiert. Er hat in einer berühmten Rede gesagt: „Der Islam ist in Gefahr.“ Das führte zu großen Protesten. Und es gab auch Opfer.

Für mich zeigt das etwas Grundsätzliches. Der Konflikt zwischen den Pahlavi-Schahs und den Mullahs war nicht nur „Politik“. Es war ein Machtkonflikt über die Richtung des Landes: Modernisierung und Öffnung auf der einen Seite, konservative islamische Ordnungsvorstellungen auf der anderen Seite.

Die Rückverknüpfung mit der vorislamischen Identität

Noch ein wichtiger Punkt für die aktuell junge Generation ist die Rückverknüpfung mit der vorislamischen iranischen Kultur unter Mohammad Reza Schah. Diese Kultur war lange Zeit, also 1400 Jahre, nicht präsent und wurde vergessen. Eltern haben kaum den Namen Kourosh oder Darioush (also Cyrus oder Darius) für ihr Kind ausgewählt. In der Pahlavi-Zeit wurde die iranische Kultur wieder sichtbar gemacht – in Symbolen, in Sprache und in staatlichen Veranstaltungen. Man kann das kritisieren. Aber man sollte verstehen, warum es viele emotional berührt.

Die Brücke zur Gegenwart

Und jetzt die Brücke zur Gegenwart. Das heutige Regime erzählt oft: Die Pahlavis seien nur „Verräter“ gewesen, und ihre Zeit war nur „Unterdrückung“. In Europa hört man manchmal ebenfalls eine sehr einseitige Erzählung. Aber viele Iraner sehen noch etwas anderes. Sie sehen: Der Iran wurde damals aus einem Zustand nahe am Kollaps in kurzer Zeit modernisiert. Sie sehen Straßen, Bahn, Schulen, Universitäten, Institutionen. Sie sehen einen Staat, der wieder handlungsfähig wurde.

Und viele empfinden auch: Die Pahlavi-Zeit hat nach 1400 Jahren wieder eine Brücke zur alten iranischen Identität geschlagen. Genau deshalb sind diese zwei Schahs in der Erinnerung so präsent.

Wenn Jugendliche heute „Pahlavi kehrt zurück“ rufen, ist das für viele kein „Romantik-Trip“. Es ist ein Signal: Wir wollen einen funktionierenden Staat. Wir wollen Würde. Anschluss an die eigene Geschichte. Und viele sehen in Reza Pahlavi denselben Patriotismus, den sie in seinem Vater und Großvater sehen: also Verantwortung für Iran. Und darum vertrauen sie ihm. Natürlich nicht alle. Aber sehr viele.

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