Iran vor dem Islam

Von Kyros bis Ferdowsi – die Wurzeln der Parole „Javid Shah“

Ich möchte mit einem Bild beginnen, das viele Iraner tief bewegt.

Man sieht Blut am Boden. An der Wand steht mit diesem Blut geschrieben mit Fingerspitzen: „Javid Shah“ – also „Lang lebe der König“ – und darunter „Tod dem Diktator“.

Unabhängig davon, wie man das politisch bewertet, zeigt dieses Bild etwas Wichtiges: Junge Menschen stehen unbewaffnet Kugeln gegenüber – und schreiben mit ihrem eigenen Blut „Lang lebe der König“.

Mein Punkt ist: Das ist keine spontane Parole. Dahinter stecken Identität, Geschichte und eine alte Form von Patriotismus. Um das zu verstehen, muss ich kurz in die Geschichte zurückblicken.

Ein Kulturraum, kein Land im heutigen Sinne

Wenn wir uns die historische Karte des Persischen Reiches ansehen, erkennen wir: Der Iran war früher nicht nur ein Land im heutigen Sinne. Es war ein riesiger Kulturraum mit vielen Völkern, Sprachen und Religionen. Der Einfluss reichte teilweise bis nach Indien, in den Mittelmeerraum und sogar bis Ägypten.

Politisch war das Reich dezentral organisiert. Es gab regionale Herrscher und im Zentrum einen „König der Könige“. Man könnte es vereinfacht als eine Art föderale Monarchie bezeichnen.

Wichtig ist: Es ging damals nicht darum, alle gleichzumachen. Vielfalt war Teil der nationalen Identität.

Die Symbolfigur für diese Epoche ist Kyros der Große (also Cyros, Cario und auf Persisch: Kourosh). Viele Iraner sehen ihn als „Vater der Nation“. Er steht für ein tolerantes Reich. Er hat die Juden aus der babylonischen Gefangenschaft befreit und ihnen den Wiederaufbau ihres Tempels ermöglicht. Der berühmte „Kyros-Zylinder“ gilt für viele als die erste Menschenrechtserklärung der Geschichte, weil er Religionsfreiheit, Toleranz und die Rückkehr Vertriebener garantiert.

Die wichtigste Religion Iraner war damals der Zoroastrismus. Er basiert auf drei Prinzipien: „Gute Gedanken, gute Worte, gute Taten“. Diese Religion steht für Verantwortung, Vernunft und kulturelle Offenheit.

Wie wir sehen: „Iran“ war historisch eher eine kulturelle Idee als nur eine geografische Grenze. Eine Zivilisation, die verschiedene Gruppen unter einem Dach vereinte.

Königtum als Verantwortung, nicht nur Macht

Hier kommen wir zurück zu den heutigen Parolen. In der iranischen Geschichte bedeutet „Königtum“ (Schah) nicht nur Macht, sondern vor allem Verantwortung. Der König ist jemand, der das Land „pflegt“.

Das sieht man auch an der Sprache: Das Wort für Patriot ist auf Persisch „Iran-Parast“. Die Endung „-parast“ bedeutet nicht nur „verehren“, sondern auch „pflegen“ oder „sich kümmern“ – wie eine Krankenschwester, die sich kümmert (auf Persisch: Parastar). Ein Patriot ist also jemand, der den Iran pflegt und schützt.

Das betraf auch die Natur. Es gibt alte Traditionen zum Schutz von Wasser und Boden. Technisch war der alte Iran sehr fortschrittlich, zum Beispiel durch die Wasserkanäle, also Qanate (einer Art unterirdische Bewässerungssysteme). Das zeigt eine Kultur, die gelernt hat, mit knappen Ressourcen klug umzugehen.

Der große Bruch

Doch dann kam der große Bruch.

Im 7. Jahrhundert wurde der Iran von arabisch-muslimischen Truppen erobert. Das war nicht nur ein Krieg, sondern eine Zeit von Plünderung und Gewalt, über Jahrhunderte. Die kulturellen Folgen sind bis heute spürbar.

Ein Beispiel für solche kulturellen Brüche sehen wir im heutigen Afghanistan, das früher ein wichtiger Teil dieses iranischen Kulturraums war. Dort gab es bedeutende buddhistische Zentren. Heute ist das fast verschwunden. Das zeigt, wie radikal sich Religion und Kultur verändern können. Leider wurden die zwei Buddha-Statuen von Taliban im März 2001 zerstört.

Auch im Iran hatte das Folgen: Der Zoroastrismus wurde verdrängt, viele sind nach Indien geflohen. Eine Gruppe von 100.000 Zoroastriern wohnt im heutigen Indien, die Parsen genannt werden.

Ferdowsi und die Rettung der Identität

Deshalb ist eine Person extrem wichtig: der Dichter Ferdowsi.

Um das Jahr 1000 hat er das „Buch der Könige“ (Schāhnāmeh) geschrieben. Er sammelte die alten Mythen und hat somit die persische Sprache und Identität vor dem Vergessen gerettet. Für Iraner ist dieses Buch bis heute ein Fundament.

Aus diesem Buch stammt eine Metapher, die heute wieder aktuell ist: die Figur Zahhak.

Zahhak ist ein tyrannischer Herrscher, der einen Pakt mit dem Teufel schließt. Der Teufel küsste Zahhak als Zeichen dieses Paktes auf beide Schultern, und dadurch wachsen zwei Schlangen aus seinem Körper. Er muss täglich diese Schlangen mit den Gehirnen zweier junger Menschen füttern.

Zahhak ist das Symbol für den Tyrannen, der die Jugend und den Verstand des Landes opfert.

Doch die Geschichte endet hoffnungsvoll: Zahhak wird schließlich niedergeschlagen. Er verliert seine Macht durch eine Revolution des Volkes, angeführt vom jungen Kronprinzen Fereydun, und es kehrt die Gerechtigkeit und die alte Würde des Landes zurück.

Heute nennen viele Iraner den Religionsführer Khamenei „Zahhak“. Die Parole lautet: „Khamenei, du Zahhak, wir ziehen dich in den Staub“.

Also: Wenn ihr heute Jugendliche seht, die „Javid Shah“ rufen, dann ist das ein Rückgriff auf diese 2500 Jahre alte Identität. Das Bild mit dem Blut verbindet die blutige Gegenwart mit der Hoffnung, dass am Ende – genau wie in der Sage – die Tyrannei besiegt wird.

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