Die Protestwelle seit Ende Dezember 2025
Während Weihnachten und Ende Dezember hat eine neue Protestwelle begonnen, was längst zu erwarten war.
Der Basar als Game-Changer
Ein starker Game-Changer dieses Mal war der Start in Teheran im Basar. Die Basaris, zumindest die Generation von 1979, waren an der Revolution beteiligt und waren bisher aus Sicht des Regimes kontrollierbar – aber dieses Mal haben traditionelle Händler ihre Läden geschlossen und gestreikt. Sie sind auf die Straße gegangen und haben gegen die Diktatur und sogar pro Pahlavi gerufen. Kurz darauf hat sich der Elektronik- und Mobilfunkmarkt angeschlossen. Und dann hat es sich schnell auf viele Städte ausgebreitet.
In vielen Videos sieht man große Gruppen, und keine kleine Protestszene, also eine breite Bewegung: über Altersgruppen hinweg, über Regionen hinweg, über soziale Schichten hinweg. Männer und Frauen, junge und teilweise auch ältere Menschen.

Nicht nur gegen etwas – sondern für etwas
Und man hört zwei Dinge. Erstens: klare Ablehnung des gesamten Systems. Und zweitens – und das ist aus meiner Sicht der historische Bruch: Dieses Mal rufen viele Menschen offensichtlich eine konkrete Alternative. Sie rufen den Namen Reza Pahlavi. Nicht nur einmal, sondern in vielen Aufnahmen aus Iran selbst.
Das ist wichtig, weil es zeigt: Die Bewegung ist nicht nur „gegen“ etwas. Sie ist auch „für“ etwas. Für viele ist Reza Pahlavi das Symbol dafür, dass es nach dem Sturz des Systems eine Richtung geben kann. Und genau deshalb ist sein Name so zentral.
Dann kommt der nächste Schritt in dieser Dynamik. Nach einigen Tagen der Proteste gab es einen Moment, in dem Reza Pahlavi öffentlich Verantwortung übernommen hat und zum ersten Mal die Menschen aufgerufen hat, an zwei Tagen (Donnerstag und Freitag) ab 20 Uhr gemeinsam auf die Straßen zu gehen. Viele Menschen fragten sich: Kommt die Bevölkerung wirklich so massenhaft? Und wenn ja, ist dann Unterdrückung noch möglich?
Und dann kamen die ersten Videos am Donnerstagabend: Sehr viele Menschen waren draußen, in unterschiedlichen Städten, in unterschiedlichen Vierteln. Das war für viele ein „Jetzt passiert etwas Großes“-Moment.

Blackout
Kurz danach berichten viele von einem Kommunikations-Blackout. Internet fällt aus. Mobilfunk fällt aus. Sogar SMS geht nicht, und Telefonate ins Ausland gehen nicht. Auch digitale Bezahlsysteme geraten ins Chaos. Strom auf den Straßen geht aus.
Also: Alles wurde vorbereitet, um in dieser Dunkelheit den Iran zu massakrieren. Das war nicht nur „Unterdrückung“ – also nicht nur „Schlagstock und zerstreuen“, „festnehmen“, „Tränengas“, „Schrotmunition“ und einzelne Tötungen –, sondern, nach dem Muster, das sich aus den Videos und Berichten ergibt: systematische, gezielte physische Beseitigung der Protestierenden.

Ein Muster auf mehreren Ebenen
Aus Videos und Berichten entsteht ein Muster in mehreren Ebenen.
Auf der ersten Ebene stehen Polizei und Anti-Riot-Einheiten. Man sieht Tränengas, Schlagstöcke und sogar Messer, Schockgranaten, schrotartige Munition, die ähnlich wie bei der letzten Protestwelle zur Erblindung von Tausenden geführt hat – also Körper- und Augenverletzungen.
Zweite Ebene: Revolutionsgarden, Basij und ausländische Paramilizen aus Libanon, Irak und Afghanistan, mit scharfer Munition und Schüssen aus Distanz. Die Schützen waren meistens auf Dächern und erhöhten Positionen, um sich in der Dunkelheit zu tarnen und in Videos nicht aufgenommen zu werden. Und es gibt ein Muster, das viele unabhängig voneinander nennen: grüne Laser von Anti-Riot-Einheiten auf den Straßen, die Menschen markieren. Und kurz darauf Schüsse, und mehrere fallen runter.
Die Treffpunkte waren meistens Kopf, Nacken und Brust. Es wurde also zum Töten geschossen.
Ein weiteres Muster ist entscheidend: Es geht nicht nur um „Töten“. Es geht auch um Kontrolle über Verletzte und Tote. Also: Wer helfen will und Verletzte wegtragen will, wird selbst angeschossen.
In vielen Fällen gibt es Angehörige oder Freunde, die alle getötet sind, weil eine Person angeschossen wurde und die andere stehen geblieben ist, um zu helfen, und ebenfalls angeschossen wurde.
Krankenhäuser
Dann kommen die Krankenhäuser. Viele große Kliniken sind staatlich. Und viele Menschen berichten: Krankenhäuser wurden unter Druck gestellt, Verletzte nicht aufzunehmen oder sogar auszuliefern. Es gibt Berichte über Sicherheitskräfte in Kliniken. Und es gibt Beweise für ein sehr schweres Verbrechen: dass Verletzte aus Kliniken abgeholt wurden – entweder verbluten lassen, bis sie quälend sterben, oder Totschuss in Kopf oder Brust gegeben haben. Es gibt zudem Fotos, auf denen man bei manchen Körpern noch medizinische Schläuche oder Katheter sieht – und gleichzeitig Schussverletzungen, teils am Kopf oder Brust. Also: Jemand war zunächst verletzt, wurde medizinisch versorgt und war stabil, und wurde später doch getötet.
Spurenbeseitigung
Und jetzt kommt der Teil, der die Dimension des systematischen Verbrechens erklärt. Es gibt viele Berichte, dass Leichen eingesammelt wurden, schnell, mit Transportern – damit die Zahl nicht sichtbar wird.
Und dann werden die Straßen mit Feuerwehrwagen abgewaschen, und der öffentliche Raum beim Tageslicht „gereinigt“ aussieht.
Dann der nächste Teil: Es gibt viele Videos und Fotos über Sammelpunkte für Leichen, die zeigen, wie Familien verzweifelt in Hunderten von Leichensäcken nach ihren Liebsten suchen. Und wenn sie finden, wie sie auf dem Boden neben dem Körper geschlafen sind. Und wenn nicht, wie sie nach dem Kühlcontainer rennen, der mehr Leichen transportiert hat.
Und dann gibt es Druck auf Familien: Drohungen, dass sie nicht mit Medien sprechen dürfen, oder gestehen beziehungsweise unterschreiben müssen, dass die Person von Terroristen getötet wurde – sonst gibt es Hindernisse, um die Leichen zu bekommen. Und am Ende: Kugel-Gebühren im Zusammenhang mit den Schusswunden, bis zu mehreren Tausend Euro.
Parallel läuft wieder der Informationskrieg, um das Verbrechen zu vertuschen. Es erzählt von „ausländischen Agenten“, also „Terroristen“ von „Mossad“ und „Amerika“, die einen Putsch gegen die Islamische Republik geplant hätten, der jedoch besiegt worden sei.
Verbrechen gegen die Menschlichkeit
Ich bin kein Jurist, um zu bewerten, ob man den Begriff „Genozid“ verwenden darf. Aber nach dem Muster, das ich aus so vielen Videos und Berichten sehe, spricht das für Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die systematisch gegen Zivilisten ausgeführt wurden – geplant und vorbereitet, vielleicht über Jahre, wobei Druck und Vertuschung Teil der Methode sind.
Und hier schließe ich wieder den Teil zu Reza Pahlavi. Dass sein Name in Iran so laut gerufen wird, ist genau das, was das Regime fürchtet: nicht nur Protest, sondern Protest mit Alternative. Protest mit einem Namen, der für viele Hoffnung bedeutet. Und genau deshalb war die Reaktion so brutal – eine Reaktion, die nicht nur unterdrückt, sondern Menschen gezielt beseitigt und dann versucht, die Spuren zu kontrollieren.
Niemand weiß, wie viele Menschen getötet, wie viele erblindet und wie viele verletzt wurden. Fest steht aber, dass die Verletzten ohne medizinische Versorgung teilweise dem Tod entgegensehen, und der Informationskrieg aus Propaganda, Desinformation und Verwirrung läuft weiter.
